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Kraft vs Macht

Kraft vs. Macht

Die eine hat Stärke. Die andere hat Macht.
Und eine von beiden möchte UNBEDINGT, dass alle das mitbekommen.

Gestern lief die letzte Folge einer Serie von Konfliktmediationen.

Kein dramatisches Hollywood-Finale.
Keine Gruppenumarmungen oder plötzlichen Liebeserklärungen.
Sondern das komplizierte Zusammenspiel menschlicher Verhaltensweisen, Kommunikation, angekratzter Egos und der Herausforderung, irgendwie wieder eine vernünftige Basis für die Zusammenarbeit zu finden.

Und irgendwo zwischen dem Nachdenken darüber, was gesagt wurde, was unausgesprochen blieb und was sich in Zukunft tatsächlich ändern könnte, sind mir zwei deutsche Wörter durch den Kopf geschossen.

Kraft und Macht.

Zwei Wörter, die wir manchmal beinahe in einen Topf werfen, obwohl sie meine Gedanken in völlig unterschiedliche Richtungen geschickt haben.

Und da fing mein Kopf an zu rattern …

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der Macht, jemanden zu etwas zu bringen, und der Kraft, jemanden dazu zu bewegen, es aus eigener Überzeugung zu tun?

Und noch interessanter: Was passiert, wenn jemand das eine mit dem anderen verwechselt?

Tja, ihr kennt mich. Wenn zwei Wörter anfangen, in meinem Kopf Unfug zu treiben, muss ich mit ihnen einfach eine Runde durch die Hester Street drehen.

Also, bring the popcorn!

Zwei deutsche Wörter betreten einen Besprechungsraum …

Kraft schnappt sich einen Stuhl.

Macht setzt sich selbstverständlich an den Kopf des Tisches.

Hat ihr zwar niemand angeboten. Aber das ist ja wohl nebensächlich.

Macht hat einen Titel, eine Meinung, eine Position, möglicherweise einen reservierten Parkplatz und die bemerkenswerte Fähigkeit, aus einem einfachen Gespräch eine Demonstration ihrer Wichtigkeit zu machen.

Und Kraft?

Kraft krempelt die Ärmel hoch und fragt sich, wann hier eigentlich endlich etwas weitergeht.

Willkommen in der Hester Street.

Wir haben hier zwei deutschen Wörtern, die uns erstaunlich viel darüber verraten können, wie Menschen sich verhalten, wenn sie glauben, mächtig zu sein – und was passiert, wenn sie längst nicht so stark sind, wie sie uns glauben machen wollen.

Zuerst ein bisschen sprachlicher Unfug

Kraft steht für Stärke, Energie, Leistungsfähigkeit und die Fähigkeit, etwas zu bewirken.

Denken wir an Willenskraft, Tatkraft, Schaffenskraft oder Überzeugungskraft.

Herrliche Wörter.

Da steckt etwas drin. Ein innerer Antrieb. Die Fähigkeit, etwas anzupacken, auszuhalten, zu verändern oder andere durch Überzeugung mitzunehmen.

Macht hingegen beschreibt die Möglichkeit, Einfluss auszuüben, Entscheidungen zu bestimmen, Ergebnisse zu kontrollieren oder Autorität einzusetzen.

Denken wir an Machtposition, Machtkampf, Machtdemonstration und mein ganz besonderes Schmankerl:

Machtwort.

Ein einziges Wort, und alle sollen gefälligst in Reih und Glied stehen.

Wie praktisch.

Und jetzt kommt noch ein kleines grammatikalisches Zuckerl.

Macht ist gleichzeitig eine Form des Verbs machen.

Er macht. Sie macht. Ihr macht.

Aber was passiert, wenn jemand so sehr damit beschäftigt ist, Macht zu haben, dass er völlig vergisst, tatsächlich etwas Sinnvolles zu machen?

Na, das wäre doch mal eine Frage.

Natürlich überschneiden sich die Bedeutungen. Kraft kann missbraucht werden, und Macht kann durchaus verantwortungsvoll eingesetzt werden.

Aber Sprache ist ein herrlicher Spielplatz, um solche Unterschiede einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Wer am lautesten ist, ist nicht unbedingt am stärksten

Ihr kennt sie. Wir kennen sie alle.

Die Menschen, die Lautstärke mit Autorität verwechseln.

Die ständig unterbrechen, weil ihre Meinung offenbar immer Vorrang hat.

Die mit den Augen rollen, einen süffisanten Kommentar fallen lassen oder erklären, sie seien „halt einfach ehrlich“, nachdem sie den Beitrag eines anderen gerade genüsslich in Grund und Boden gestampft haben.

Und mein persönlicher Favorit:

„Ich bin nicht aggressiv. Ich bin nur sehr direkt.“

Ach, Schätzchen.

Direktheit braucht keinen verbalen Bulldozer.

Man kann widersprechen, ohne jemanden bloßzustellen.

Man kann korrigieren, ohne jemanden kleinzumachen.

Man kann Grenzen setzen, ohne daraus eine öffentliche Hinrichtung zu veranstalten.

Lautstärke ist keine Stärke. Sarkasmus ist keine Intelligenz.
Und Einschüchterung ist keine Führungskompetenz.

Manchmal ist der ganze Lärm einfach nur Unsicherheit mit Mikrofon.

Das Machtwort – wenn Kommunikation gegen eine Betonwand fährt …

Ich liebe dieses Wort.

Machtwort. Ein Wort, das eine Diskussion beenden soll.
Und manchmal braucht es genau das.

Eine Entscheidung muss getroffen werden. Eine Grenze muss gezogen werden. Eine Besprechung muss irgendwann enden, bevor alle gemeinsam am Konferenztisch alt werden.

Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen dem verantwortungsvollen Einsatz von Autorität und dem Versuch, ein unangenehmes Gespräch einfach abzuwürgen.

Vergleichen wir zwei Aussagen:

„Gut. Wir haben die Möglichkeiten besprochen. Das ist die Entscheidung, und
ich erkläre euch auch, warum.“

Und:

„Schluss jetzt. Ich bin hier der Chef. Ende der Diskussion.“

Beide Aussagen können ein Gespräch beenden.

Aber nur eine liefert den Beteiligten auch einen nachvollziehbaren Grund, die Entscheidung zu respektieren.

Die andere bringt ihnen möglicherweise nur bei, dass Widerspruch gefährlich ist.

Und genau da wird es interessant.

Du kannst jemanden zum Schweigen bringen. Aber du kannst ihn nicht dazu zwingen, dir innerlich recht zu geben.

Womit wir bei einer weiteren ziemlich unbequemen Wahrheit wären.

Schweigen. Die am häufigsten missverstandene Person.

Stellt euch eine Besprechung vor.

Die Stimmung ist angespannt.

Jemand macht eine bissige Bemerkung.

Ein anderer verstummt.

Ein Dritter beschließt, lieber überhaupt nichts mehr beizutragen.

Irgendwann ist die Besprechung vorbei.

Kein Streit. Keine erhobenen Stimmen. Alle gehen.

Erfolg!

Champagner! Der Konflikt ist gelöst!

Ähm. Nicht ganz so schnell.

Schweigen kann vieles bedeuten.

Zustimmung.

Nachdenken.

Angst, Frustration, Erschöpfung oder schlicht die Erkenntnis, dass es sich nicht mehr lohnt, den Mund aufzumachen.

Und manchmal bedeutet Schweigen auch:

„Ich gebe dir nicht noch einmal die Gelegenheit, so mit mir umzugehen.“

Von außen sieht dieses Schweigen oft ziemlich ähnlich aus.

Verwechseln wir also bitte einen ruhigen Raum nicht automatisch mit einem gesunden Arbeitsklima.

Gehorsam ist kein Engagement. Vermeidung ist keine Zustimmung. Und Ruhe bedeutet noch lange keinen Frieden.

Den letzten Satz darf man ruhig zweimal lesen.

„Ich war doch nur ehrlich!“

Ach ja.

Der Schlachtruf der Taktgefühl-Befreiten.

Darf ich euch ein weiteres wunderbares deutsches Wort vorstellen?

Wirkung.

Was deine Worte und dein Verhalten tatsächlich bei anderen auslösen.

Nicht unbedingt das, was du beabsichtigt hast.

Nicht das, was du im Nachhinein behauptest, beabsichtigt zu haben.

Sondern das, was beim Gegenüber angekommen ist.

In der Kommunikation klammern wir uns manchmal verzweifelt an
unsere Absicht.

„So hab ich das doch gar nicht gemeint.“

„War doch nur Spaß.“

„Du bist einfach zu empfindlich.“

„Ich sag ja nur die Wahrheit.“

Schön und gut.

Aber deine gute Absicht radiert die Wirkung deiner Worte nicht automatisch aus.

Stell dir vor, du wirfst einen Ziegelstein durch das Fenster deines Nachbarn und erklärst anschließend:

„Aber ich wollte die Scheibe doch gar nicht kaputt machen!“

Sehr nett.

Die Scheibe ist trotzdem hin.

Nun bedeutet natürlich nicht jedes verletzte Gefühl, dass sich jemand tatsächlich falsch verhalten hat. Wir können einander missverstehen. Wir können Situationen falsch einschätzen.

Und genau deshalb sollten wir Fragen stellen, statt uns sofort selbst zu Richter, Geschworenen und Henker zu ernennen.

Was habe ich gesagt? Was hast du gehört?
Was war meine Absicht? Welche Wirkung hatte es?

Vier Fragen.

Möglicherweise weniger kaputte Fensterscheiben.

Wenn zwei Egos Tischtennis spielen

Hier kommt noch ein schöner Gedanke:

Gleiches verstärkt Gleiches. Gegensätze schaffen Ausgleich.

Ähnliche Reaktionen können sich gegenseitig hochschaukeln.
Eine andere Reaktion kann das Muster unterbrechen.

Einer geht in die Defensive. Der andere erst recht.

Einer wird lauter. Der andere legt noch ein Schäufelchen nach.

Einer zieht sich zurück. Der andere interpretiert das als Feindseligkeit
und zieht sich ebenfalls zurück.

Und ehe man sich versieht, sitzen beide auf gegenüberliegenden Seiten einer prächtig errichteten Mauer und sind felsenfest davon überzeugt, dass der andere sie gebaut hat.

Natürlich haben beide Beweise.

Willkommen bei der Weltmeisterschaft im „Aber der andere hat angefangen!“

Das Problem? Alle sind dermaßen damit beschäftigt, ihre eigene Position zu verteidigen, dass niemand mehr bemerkt, wie fleißig sie genau jenes Verhalten füttern, über das sie sich beschweren.

Was also durchbricht diesen Kreislauf?

Nicht unbedingt eine Entschuldigung.

Nicht so zu tun, als wäre nie etwas passiert.

Und schon gar nicht, sich freiwillig zur emotionalen Fußmatte eines anderen
zu machen.

Manchmal besteht die stärkste Reaktion schlicht darin, den Ball nicht mehr auf dieselbe Weise zurückzuspielen.

Eine ruhige Frage statt eines sarkastischen Konters.

Eine klare Grenze statt einer persönlichen Beleidigung.

Eine praktische Vereinbarung statt einer weiteren archäologischen Expedition durch längst vergangene Kränkungen.

Du musst nicht jeden Schlagabtausch gewinnen, um die Richtung eines Gesprächs zu verändern.

Manchmal besteht der eigentliche Sieg darin, bei diesem absurden Spiel einfach nicht mehr mitzumachen.

Loslassen – ohne irgendjemanden aus der Verantwortung zu entlassen

Ach, Loslassen.

Klingt herrlich spirituell, nicht wahr?
Kerze anzünden. Tief durchatmen. Vergangenheit loslassen. Vielleicht noch schnell einen Baum umarmen.

Nichts gegen Bäumeumarmen übrigens.

Aber machen wir aus dem Loslassen bitte keine esoterisch angehauchte Verpflichtung, jedem alles zu verzeihen.

Denn Loslassen bedeutet nicht Gutheißen.

Du kannst aufhören, den Streit von gestern ständig mit dir herumzuschleppen, ohne so zu tun, als wäre das Verhalten von gestern in Ordnung gewesen.

Du kannst anerkennen, dass dich jemand verletzt hat, ohne zuzulassen, dass diese Erfahrung jede zukünftige Begegnung bestimmt.

Du kannst professionell mit jemandem zusammenarbeiten, den du niemals freiwillig zu deiner Geburtstagsparty einladen würdest.

Und du kannst völlig vernünftige Grenzen setzen, ohne zu verlangen, dass plötzlich alle beste Freunde werden.

Eines habe ich bei meiner Arbeit mit Menschen in Konfliktsituationen gelernt:

Nicht jede Beziehung muss wieder zu einer Freundschaft werden. Manchmal reicht es vollkommen, wenn sie funktional, respektvoll und sicher genug wird, damit Menschen ihre Arbeit vernünftig erledigen können.

Nicht romantisch.

Kein Hollywood-Finale.

Niemand läuft in Zeitlupe durch eine Blumenwiese, um dem plötzlich heiß geliebten Kollegen in die Arme zu fallen.

Aber es ist realistisch.

Und oft ist genau das ein Fortschritt.

Macht ist, was du hast.
Stärke zeigt sich darin, wie du sie einsetzt.

Bevor wir Macht jetzt endgültig in die Schmollecke schicken, wollen wir fair bleiben.

Macht ist nicht automatisch der Bösewicht.

Wir brauchen Menschen, die Entscheidungen treffen können.

Wir brauchen Führungskräfte, die Grenzen setzen, Erwartungen klären und Verantwortung einfordern.

Und wir brauchen den Mut, einzugreifen, wenn Verhalten inakzeptabel wird.

Eine Führungskraft, die ihre legitime Autorität nicht einsetzt, obwohl es notwendig wäre, ist nicht unbedingt besonders nett.

Vielleicht überlässt sie einfach allen anderen die unangenehmen Konsequenzen.

Das Problem ist nicht, Macht zu besitzen.

Das Problem beginnt dort, wo Macht über andere mit persönlicher Stärke verwechselt wird.

Wahre Stärke kann bedeuten, einen Fehler zuzugeben.

Jemandem zuzuhören, dessen Meinung den eigenen Blutdruck in ungeahnte Höhen treibt.

Den Mund aufzumachen, obwohl Schweigen viel bequemer wäre.

Oder einem Verhalten endlich einen Riegel vorzuschieben, das alle anderen schon viel zu lange stillschweigend ertragen haben.

Und manchmal bedeutet Stärke ganz einfach zu sagen:

„Nein. So geht das nicht.“

Ohne zu schreien.

Ohne jemanden bloßzustellen.

Ohne anschließend einen Beliebtheitswettbewerb gewinnen zu müssen.

Das ist keine Schwäche.

Das ist Rückgrat.

Und der Gewinner ist …

Also?

Kraft oder Macht?

Die Wahrheit ist: Die beiden könnten ein verdammt gutes Team sein, wenn sie lernen würden, sich anständig zu benehmen.

Macht kann die Befugnis geben, zu handeln.

Kraft liefert Mut, Urteilsvermögen und Selbstbeherrschung, um verantwortungsvoll zu handeln.

Macht kann Regeln festlegen.

Kraft kann dazu beitragen, dass aus Regeln echte gemeinsame Verpflichtungen werden.

Macht kann Aufmerksamkeit verlangen.

Kraft kann Respekt verdienen.

Aber wenn du ständig alle daran erinnern musst, wie mächtig du bist, solltest du dich vielleicht einmal fragen, warum sie daran erinnert werden müssen.

Schließlich braucht ein Löwe keine Visitenkarte, auf der steht, dass er ein Löwe ist.

Und mit einem Jobtitel bekommt man nicht automatisch ein Rückgrat mitgeliefert.

Noch ein letzter Gedanke aus der Hester Street

Ich habe inzwischen genug mit Kommunikation, menschlichem Verhalten und Konflikten gearbeitet, um eines zu wissen:

Der stärkste Mensch im Raum ist nicht unbedingt der lauteste.

Manchmal ist es derjenige, der sich nicht provozieren lässt.

Manchmal derjenige, der etwas ausspricht, während alle anderen schweigen.

Manchmal derjenige, der lange genug zuhört, um zu erkennen, dass er vielleicht selbst falschliegt.

Und manchmal ist es der Mensch, der durchaus die Macht hätte, seine Position auszuspielen – und sich ganz bewusst dagegen entscheidet.

Denn letztendlich …

Macht kann Menschen dazu bringen, zuzuhören.

Kraft ermöglicht es uns, einander wirklich zu hören.

Und genau da hört Kommunikation auf, ein Machtkampf zu sein, und beginnt, tatsächlich etwas zu bewirken.

Connect. Communicate. Co-create.

SALT – Skills. Ayurveda. Language. Translation.